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Wolf Story´s / Das Blut des Wolfes



Das Blut des Wolfes Von Fenja Paul & Tami Schneider

Die Ernte verlief schlecht. Es gab nicht genügend Trauben;
die meisten waren im kalten Frost eines August-Morgens erfroren.
Die übriggebliebenen waren die schlechtesten im ganzen Land gewesen.

Es war kein gutes Jahr für Olivier Satero. Seinen Wein konnte er an niemanden guten Gewissens verkaufen.
Er war so schlecht, er wollte ihn selbst nicht trinken.
Nun lagen die Weinberge inzwischen unter der Schneedecke des kalten Januars begraben.

Olivier kam zum Glück auch so durch die kalte Jahreszeit.
Er hatte sich ein modernes Gewächshaus bauen lassen, in dem er das notwendige Gemüse anbauen konnte. Beheizt wurde es durch eine Zuleitung, die vom Kamin im Wohntrakt abging.
Er hatte einen Hühnerstall; die Eier verkaufte er auf dem Markt. Davon konnte er sich Getreide leisten.

Dieses Jahr war nicht leicht; aber er kam über die Runden.
Doch dann fing es an.

Als Olivier eines Morgens in die Scheune zu seinen Hühnern ging, fehlten zwei.
Er hatte schon diese Geschichten gehört; von Füchsen, die da kommen und Hühner stehlen. Bisher war er verschont gewesen. Doch an diesem Morgen wurde ihm klar, dass auch er ein Opfer war.
Er könnte den Jäger bestellen, der sich auf die Lauer legen und diesen Bastard kalt machen würde. Doch das kostete ihn Geld. Und das hatte er dieses Jahr nicht.
Aber er hatte Gewehre. Und so beschloss er, sich mit seinem Sohn gemeinsam auf die Lauer zu legen.
Es war bitterkalt.
Sie lagen auf dem Dach; Seite an Seite, nur von einer dünnen Decke gewärmt.
Es wurde Dunkel; und noch kälter.

Als man seine Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte, vernahm Olivier ein Geräusch.
" Was war das?"
Sein Sohn gab keine Antwort. Aber er war noch da. Er spürte seine Nähe und Wärme.
So nahm Olivier an, dass sein Sohn nur lauschte.
Dann noch ein Geräusch. Die Hühner fingen an, laute Geräusche von sich zu geben.
Hilferufe, die wir nicht verstehen, aber deuten können.

" Verdammt, was ist da los? Es ist zu dunkel, ich sehe nichts. Kannst du was erkennen?"

" Ein Wolf!"

" Was ist?"

" Das ist ein Wolf. Kein Fuchs!"

So sehr sich Olivier auch anstrengte, er konnte dort unten nichts ausmachen.

" Ich kann nichts sehen!"

" Da, Vater! Es sind zwei."

Dann fiel ein Schuss.

Es war nicht Olivier der geschossen hatte, es war sein Sohn.

Ein Jaulen.

Wieder ein Schuss.
Das Geräusch von splitterndem Holz.

Noch ein Schuss... Nichts.

Und wieder. Bang!

Nur den Bruchteil einer Sekunde, nachdem sein Sohn den vierten Schuss abgegeben hatte, wurde dessen Körper zur Seite gerissen.
Die Decke, die sie beide wärmte, wurde Olivier entrissen.
Er spürte etwas warmes, feuchtes auf seinem Gesicht.

Als er nach seinem Sohn tastete, war dieser nicht mehr da. Ihm kam alles so lange vor, aber es war nur Sekunden später, als er einen dumpfen Schlag vernahm.

" Fillipo!?"

Mit einem Ruck stand Olivier auf. Machte eine Schritt. Doch auf den gefrorenen Dachziegeln rutsche er aus, fiel auf den Rücken und rollte rücklings das Dach hinunter. Er fiel drei Meter, bis er schmerzhaft auf vereisten Boden aufkam.
Er fiel in Bewusstlosigkeit.

Als er wieder aufwachte, spürte er heißen Atem in seinem Gesicht.

" Fillipo?"

Doch es war nicht Fillipo. Als er danach langte, spürte er etwas weiches zwischen seinen Fingern. Ein Pelz.

" Christianne?"

Er dachte an seine Frau. Sie hatte solch einen Pelzmantel. Den
hatte er ihr vor sechs Jahren gekauft, als die Ernte noch besser war. Aber sie war tot; schon lang.

Als nächstes fiel ihm auf, dass der Unbekannte einen seltsamen Atem hatte. Ein Hecheln. Schweres atmen. Dann ein Klagelaut. Und als nächstes spürte er einen Druck gegen seine linke Seite.

Jetzt wurde ihm klar, was bei ihm war.
Es war einer der Wölfe. Fillipo hatte ihn erwischt.
Und nun hatte sich dieser zum Sterben neben ihn gelegt.
Olivier hob seinen Arm und nahm den sterbenden Wolf zu sich.
Sein Atmen wurde flacher; und immer langsamer. Olivier kraulte ihm das Fell. Er grub seine Finger tief in den weichen Flausch.
Mitleid befiel ihn. Sie hätten das nicht tun dürfen.

Das waren auch Lebewesen, die genau wie sie nur Nahrung brauchten.

Doch dazu war es zu spät. Der Wolf hatte aufgehört zu Atmen.
Ein Schauer durchlief Olivier und er redete sich ein, dass es die Seele des Tieres sei, die davonflog.

Er blieb noch eine Weile so liegen. Das Tier gab ihm Wärme.
Er lauschte den Geräuschen der Nacht und trauerte dem toten Tier nach, bis ihm wieder sein Sohn einfiel.

" Fillipo!!!", schrie er wieder nach ihm.

Doch bis auf das Wehen des Windes war kein Laut zu vernehmen. Nicht einmal ein Tier.
Im Winter lag die Natur im Sterben, nur um im Sommer wiedergeboren zu werden.

Er wusste nicht, wie lange er dort gelegen hatte, doch irgendwann stand er auf.
Er war davon überzeugt, dass ihm sämtliche Knochen weh würden. Er hatt sich schon ausgemalt, für immer gelähmt zu sein.
Doch als er sich bewegte, fühlte er sich fit wie mit fünfzehn.
Obwohl er nichts sehen konnte, kannte er sich trotzdem gut genug auf dem gelände aus, dass er sich blind an der Mauer entlang tasten konnte.
Er fand die Haustür, betrat das Vorzimmer und suchte im Dunkel nach den Kerzen, die noch auf dem Esstisch stehen mussten. Er fand sie und entzündete zwei.
Als er sich im dämmrigen Lich betrachtete, sah er, dass an seinen Händen Blut klebte.
Er wusste nicht, ob es von ihm war. Doch er war sich sicher, dass er selbst nicht verletzt war.

Er erinnerte sich an die Feuchtigkeit, die er spürte, als Fillipo den vierten Schuss abgegeben hatte. Er wischte sich mit der sauberen Hand über das Gesicht.
Nichts. Wenn da etwas gewesen ist, ist es entweder getrocknet oder gefroren.

Nervös biss er sich auf die Lippen.
Was war mit Fillipo?
Er verharrte. Etwas auf seinen Lippen. Der Geschmack kam ihm vertraut vor. Blut!!
Er wischte mit der Hand über die Lippen. Ein zäher Batzen Blut klebte an seiner Hand. Er betrachtete seine Hand im schwachen Licht. Es schien kein gewöhnliches Blut zu sein.
Es schimmerte. Als ob sich Sterne darin befanden.
Je länger er es betrachtete, schien es ihm, als ob er fallen würde.
Als er wieder aufsah, meinte er, im Schatten des Kerzenlichtes, einen Wolf auszumachen. Doch da war nicht.

Wieder fiel ihm Fillipo ein.
Mit den Kerzen in der Hand ging er in die Küche und holte aus der Abstellkammer eine Fackel, die er entzündete.
Sie brannte viel heller, als die Kerzen.
Damit verliess Olivier wieder das Haus.
Immer wieder schrie er Fillipo´s Namen, ohne je eine Antwort zu bekommen.

Auf seinem Weg kam er an dem Wolf vorbei. Sein Herz machte einen Sprung und blieb beinahe stehen. Wie konnte das Tier noch so lange überlebt haben? Es musste doch auf der Stelle tot gewesen sein?
Der Unterkiefer fehlte ihm. Ein Bein hing schief davon; beinahe abgerissen.

Er streichelte das Tier nochmals.
" Es tut mir leid.", sagte er zu dem Wolf.

Dann setzte er seinen Weg fort und ging um die Frontseite seines Hauses herum, hinter in den Garten. Dort lag Fillipo auf der Erde.
Sein Hals war komisch verdreht.
Olivier war kein Arzt, doch er wusste genau, was passiert war. Fillipo hatte sich bei dem Sturz das genick gebrochen.
Obwohl er wusste, dass sein Sohn tot war, fasste er an den Hals um nach dem Puls zu fühlen. Nichts.
Er strich ihm mit der Hand über die Augen, um sie zu schliessen.
Ohne es richtig zu merken, kam er mit dem Handballen an dessen Lippen.

Da er immer noch Blut an der Hand kleben hatte, wischte er unbeabsichtigt etwas davon an ihnen ab.
Als Olivier sich wieder aufrichtete, zuckte plötzlich ein Augenlid seines Sohnes.
Zuerst glaubte er an einen Schatten. Doch dann schlug Fillipo beide Augen auf.
Wie konnte das sein?
Fillipo setzte sich auf. Er leckte sich über die Lippen. Dann wischte er sie mit der Hand ab und betrachtete das Blut daran, das im klammen Licht wie Pech aussah.

" Was ist das, Vater?"

" Das Blut des Wolfes, mein Sohn!"

Olivier wollte seinem Sohn hochhelfen, doch er stand von selbst auf.

" Was ist passiert?", wollte Olivier wissen.

" Ich weiss es nicht. Ich habe geschossen. Ich dachte, ich hätte den Wolf erwischt, als ich plötzlich weggerissen wurde, als ob mich der schuss getroffen hätte. Ich fiel vom Dach....und...."

Fillipo sah an sich hinunter und entdeckte ein Loch in seiner Weste. Er zog sie hoch. Eine Narbe zierte seinen Bauch. Keine Schusswunde. Nur eine Narbe, die er schon ewig zu haben schien, aber gestern noch nicht besass.

Sie gingen zusammen zum Haus.
Olivier hatte die Tür offen gelassen.
Auf der Schwelle lag ein Wolf. Das zweite Tier!
Sie blieben stehen und betrachteten das Tier. Es atmete nur noch schwach.
Sie näherten sich langsam. Der Wolf hatte eine Schusswunde im Bauch.

Olivier kniete sich nieder.

" Pass auf Vater!", warnte Fillipo ihn.

Doch Olivier hielt dem Wolf seine mit Blut besudelte Hand hin.
Mit letzter Kraft hob der Wolf den Kopf und leckte daran. Dann liess er ihn wieder sinken.
Ein letzter Seufzer ging durch das Tier. Vater und Sohn betrachteten diese prachtvolle Geschöpf eine Weile.

" Lass ihn uns wegtragen, Vater!"

Fillipo wollte nach dem toten Wolf fassen, doch sein Vater hielt ihn davon ab.

" Nein, lass ihn."

Im nächsten Moment zuckte seine Pfote. Dann hob sich sein Brustkorb. Er rappelte sich wieder auf, wandte sich zu Olivier und Fillipo und schaute sie durchdringend an.

Sie konnten nicht sagen, was dieser Blick aussagen sollte.
Doch Olivier war überzeugt, dass es ein Blick des Dankes war.

Sie traten beiseite und machten dem Tier Platz. Es trottete davon.

Aus Dankbarkeit liess der Wolf für den Rest seines Lebens Olivers Hühner in Frieden.

Er ward nicht mehr gesehen

Ende