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Wolf Story´s / Der Blick des Wolfes



Der Blick des Wolfes
von Stefanie Krone

Schon früh am Morgen wurde ich wach und fühlte mich beobachtet.
Ich sah mich in meinem Schlafzimmer um, konnte aber nichts außergewöhnliches feststellen. Also schlug ich die Decke zurück und richtete mich auf. Die Sonne schien warm, durch das große Fenster.
Ich streckte mich und zuckte zusammen. War da wirklich ein Schatten vorm Fenster gewesen und ein paar gelb-grüner Augen?
Ich sprang auf die Füße und lief an die Scheibe, zog rasch die halbdurchsichtigen Gardinen zur Seite, - doch es war nichts zu sehen.
Ich ließ meinen Blick schweifen - über die Wiese und den Garten den Zaun entlang, bis zum Wald. Da sah ich ihn, silbergrau und stolz - einen Wolf.
War er es gewesen der mich beobachtet hatte?

Ich schüttelte den Kopf. Sicherlich nur ein Überbleibsel der Träume vergangener Nacht. „Was man sich so einbildet". sagte ich lächelnd vor mich hin. Ich vergaß den Vorfall fürs erste und machte mich an die Arbeiten des Tages.

Nachdem ich erschöpft wieder zu Hause war gönnte ich mir ein Bad. Im heißen Wasser ließ es sich herrlich entspannen und die Mühen des Tages hinter sich lassen.
Müde und träge trocknete ich mich ab und machte mich auf in mein Schlafzimmer. Ich wollte die Gardinen schließen, doch etwas zog meinen Blick magisch an. Wieder diese funkelnden Augen - er saß direkt auf meiner Wiese, nur wenige Meter von meinem Fenster entfernt. Ich war wie hypnotisiert — sein Blick hielt den meinen gebannt.

Er war groß, kräftig, seine Flanken silbergrau und die Schnauze heller. Obwohl er sehr imposant aussah fühlte ich mich nicht bedroht. Ich legte meine Hand gegen das Fensterglas. Da stand er auf - er war so wunderschön anzusehen, ich war verführt gegen alle Vernunft die Scheibe zu Öffnen.
Doch als hätte er meinen Gedanken erahnt wandte er sich um und lief Richtung Wald - ich sah ihm nach.

Als er im dichten grün des Waldsaums verschwunden war fühlte ich mich seltsam, mein Herz schlug kräftig.
Was war das? Eine Begegnung zwischen einem Wolf und mir, konnte das möglich sein?

Ich setzte mich auf die Bettkante und dachte nach. Diese Augen, groß, gelb-grün und intelligent, solche Augen hatte ich noch nie gesehen. Es war als hätte er direkt in meine Seele gesehen. Ich wusste nicht ob ich beunruhigt sein sollte, aber er hatte nicht gefährlich ausgesehen, sondern eher friedlich. Fröstelnd zog ich die Decke über meinen Körper und fiel in einen unruhigen Schlaf in dem mich der Blick dieser Augen nicht mehr los ließ.

Am folgenden Tag stand ich auf und zog als erstes die Gardinen des Schlafzimmerfensters zur Seite, halb erwartend ihn dort sitzen zu sehen - doch der Platz auf meiner Wiese blieb leer.
Fast schon enttäuscht zog ich mich an und entschied den Tag mit Gartenarbeit zu verbringen.
Ein bisschen Frischluft würde mir sicher gut tun.

Während ich also Unkraut zupfte und die welken Blüten meines Wildblumenbeetes abschnitt glitt mein Blick immer wieder über den Waldsaum.

Ich war unruhig und es zog mich dorthin.
Am späten Nachmittag hielt ich der Versuchung nicht mehr Stand und machte mich auf in Richtung Wald. Ich streifte durch das üppige Grün und genoss den angenehmen Duft der Bäume und Kräuter.
Ich kam vom Weg ab und gelangte auf eine Lichtung die ich auf keinem meiner früheren Spaziergänge gesehen hatte. Die Strahlen der untergehenden Sonne tauchten die Bäume in ein warmes rotgoldenes Licht. Ich legte mich ins flache Gras und sah Richtung Himmel. Ich fühlte mich so friedlich und geborgen.


Plötzlich hörte ich Stimmen. Sie wirkten so störend und fehl am Platz.
Ich setzte mich auf und lauschte, es waren zwei Männer die sich näherten.
Sie gröhlten und lachten. Ich sah mich um nach etwas, wo ich mich verstecken konnte, doch die Lichtung war groß und ich war mittendrin.

Einer der beiden musste mich wohl gesehen haben denn er gröhlte:

"Hey Frank - guck mal da das Püppchen an" und lachte.

Mir wurde unwohl ich beschloss zu tun als hätte ich nichts bemerkt und begann langsam auf das entgegengesetzte Ende der Lichtung zuzulaufen.

„Hey Rotschopf, wohin des Weges?“ brüllte einer der Kerle.

Ich zuckte zusammen. Ich begann schneller zu laufen.

"Heee warte“ schallte es von der Lichtung.

Sie folgten mir und ich sah mich um. Der Abstand war auf knapp fünfzig Meter zusammengeschrumpft. Ich konnte ihre Gesichter sehen - sie waren betrunken.
Ich fing nun an zu laufen, doch sie waren schneller als ich. Einer der beiden hatte mich eingeholt ehe ich den Rand der Lichtung erreichte. Er packte mich am Arm und hielt mich fest. ich stolperte und fiel auf die Knie.

Mittlerweile war auch der Zweite bei mir angekommen, er sah auf mich hinunter und sagte zu seinem Kumpan:

"He Axel Die Kleine ist doch ganz hübsch, aber die sieht aus als wär‘s ihr lang nicht mehr besorgt worden. Was meinst du?“.

Nun geriet ich in Panik, ich versuchte auf die Füße zu kommen. Einer der beiden packte mich an der Schulter und schob mich gegen einen Baum und hielt mich fest. Ich begann zu zittern. Der zweite legte seine Hand an meine Brust und riss mir die Bluse auf. Mir wurde schwindlig - ich hatte ANGST.

Plötzlich fing einer der Kerle an zu schreien und fiel zu Boden. Als der zweite herumfuhr konnte ich sehen was geschah. Ein großer grauer Wolf hatte den Kerl angegriffen und stand nun auf seiner Brust.
Der Mann blutete aus einer Wunde am Hals, und seine Augen wurden leer. Der zweite Mann schreie etwas und plötzlich fiel ein Schuss.
Der getroffene Wolf jaulte, setze aber im gleichen Moment zum Sprung an. Er traf den zweiten Mann und streckte ihn nieder, ein zweiter Schuss fiel. Dann wurde es still.

Zu still.

Ich glitt langsam mit dem Rücken am Baum hinab. Die Sekunden kamen mir wie ewig vor, bis ich mich wieder bewegen konnte. Ich näherte mich dem ersten Mann. Er war offensichtlich tot.
Vorsichtig näherte ich mich dem Wolf dessen Körper auf dem zweiten Mann lag.

Die Brust des Wolfes hob und senkte sich - er lebte, Ich legte die Hand auf sein Fell und fühlte sein Herz schlagen, als ich die Hand zurückzog war sie voller Blut, er war getroffen.
Ich suchte nach der Wunde und fand eine klaffende Öffnung an der Brust des Wolfes. Da schlug er die Augen auf und sah mich an, diese Augen werde ich nie vergessen diese sanfte Intelligenz. Dann wurde der Blick trübe.
Meine Hand lag an seiner Brust und ich hoffte auf den nächsten Herzschlag, doch er kam nicht.
Eine Träne lief über meine Wange der Wolf starb unter meinen Händen.

Ende