Volltext Suche - Sitemap
Sagen / Die Dombausage


Der Vertrag mit dem Teufel - Die Dombausage

Auf Wunsch Kaiser Karls entstand auf der Lichtung, die er auf der Hirschjagd entdeckt hatte, schon bald eine kleine Stadt. Nachdem das Jagdschloß errichtet war, siedelten sich Bürger, Händler, Kaufleute, Handwerker und alle, die aus einer Gemeinschaft von Menschen Nutzen ziehen, an, und die ersten Häuser wuchsen zum Dorf, das Dorf zur Stadt. Nun wollte Karl natürlich auch seinen Plan verwirklichen, hier einen Palast und ein Gotteshaus zu errichten.
Für das Münster suchte Karl sich aus der ganzen Welt die besten und bekanntesten Baumeister, Handwerker und die schönsten und edelsten Baumaterialien zusammen. Begabte Künstler aus vielen Ländern reisten nach Aachen, um Karls Kirche zur imposantesten der Welt zu machen. Der Herrscher hatte natürlich selber ein Auge auf die Errichtung des Münsters, aber leider durchkreuzten gegen Ende der Bauzeit wieder einmal die Sachsen seine Pläne.
Der Krieg gegen die Sachsen währte schon seit Jahren. Karl hatte es sich in den Kopf gesetzt, dieses Volk von seinem Glauben abzubringen und zum Christentum zu bekehren. Und da aller missionarischer Eifer bisher nicht gefruchtet hatte, gedachte Karl, die Sachsen mit Waffengewalt zu Christen zu machen. Der Krieg machte es erforderlich, daß der Kaiser persönlich ins Land der Sachsen reiste und dem Stadtrat die Vollendung des Aachener Münsters in die Hände legen mußte. Die kaiserliche Anordnung lautete, daß die Kirche bei Karls Rückkehr aus dem Krieg fertiggestellt sein solle.
Eine Weile ging auch alles seinen reibungslosen Gang. Die Arbeiten wurden vom Stadtrat kontrolliert, und die Handwerker gingen rege ihren Tätigkeiten nach. Doch ein Krieg kostet viel Geld, und auch der Bau eines Münsters ist nicht billig: Der Stadt gingen die finanziellen Mittel aus. Die Stadtväter konnten die Baumeister, Künstler und Arbeiter nicht mehr bezahlen, und nach einiger Zeit verließ einer nach dem anderen die Stadt. Schließlich mußten sie ihr Brot verdienen.
Nun war guter Rat teuer. Die Stadtväter hatten den herrscherlichen Befehl, die Kirche fertigzustellen, doch Geld wollte sich nicht auftreiben lassen. Eine Sitzung nach der anderen verstrich ergebnislos, den weisen Männern rauchten die Köpfe. Ihre Not wurde so groß, daß der eine oder andere gar meinte, man müsse sich das Geld wohl vom Teufel selber ausborgen.
Bei einer erneut anberaumten Versammlung, bei der die Stadträte vor lauter Überlegen eigentlich an gar nichts dachten, erschien zu ihrem Erstaunen, wie aus dem Boden gestampft, ein sehr eleganter Herr in ihrer Mitte. In schmucker Kleidung und mit dem ganzen Gehabe eines Mannes von Welt begrüßte er die Stadtväter mit den Worten, er kenne einen Ausweg aus ihrer mißlichen Lage. „Meine Herren", so sprach er, „aus euren Mienen ist unschwer zu lesen, daß euch Geldnöte plagen. Für Kriegsgeschäfte muß man teuer bezahlen, das weiß man allerorten, und ihr sollt zusätzlich eines der aufwendigsten Gebäude unserer Zeit vollenden. Ich schätze mich in der glücklichen Lage, über ausreichende Geldmittel zu verfügen, die ich euch ganz ohne Zinsen, ja sogar ohne eine Rückzahlung zur Fertigstellung des Münsters zur Verfügung stellen möchte."
Die Gesichter der Stadtväter sahen aus, als wäre die Sonne aufgegangen. Doch ihnen war die Sache nicht ganz geheuer.
Wieso sollte jemand so edelmütig sein, ihnen sein ganzes Vermögen zu überschreiben? Einer fragte also etwas kleinlaut, ob der Herr Kavalier seine gute Tat denn zu Gottes Ehren tuen wolle.
„Oh, nein", erwiderte der Fremde darauf, „da sei der Himmel vor! Ich habe natürlich auch eine kleine Bedingung. Die erste Seele, die das Münster nach seiner Vollendung betritt, soll mein eigen sein."

Als der Fremde diese Worte ausgesprochen hatte, herrschte Totenstille im Raum. Die Blicke der Anwesenden gingen gleichzeitig zu den Füßen des Gentleman. Das Unaussprechliche wurde ihnen dort mit dem Anblick des Pferdefußes bestätigt. Sie verhandelten mit dem Teufel persönlich! Schrecken und Entsetzen waren so groß, daß sich die furchtsamsten der Herren Stadträte unter Tischen und Stühlen verkrochen, den weniger ängstlichen hatte es zumindest die Sprache verschlagen.
Der Teufel schien die Verwirrung, die seine Anwesenheit stiftete, zunächst zu genießen. Dann aber wurde er sachlich und sprach ganz gelassen: „Meine Herren, wenn ich mich recht erinnere, dann haben gerade diejenigen von ihnen, die im Moment etwas auf dem Boden verloren zu haben scheinen, vor gar nicht allzu langer Zeit geäußert, wenn gar nichts mehr ginge, dann müsse man sich das Geld eben vom Teufel persönlich borgen. (An dieser Stelle überliefert die Sage, daß die betreffenden Herren wenigstens den Anstand hatten, mit hochroten Köpfen unter den Tischen hervorzukriechen.) Ihr solltet vielleicht einmal bedenken, daß ich für eine solche Summe Geldes sehr viel mehr Seelen bekommen kann als nur die eine, die ich verlangt habe. Denn Geld ist immer noch der Köder, mit dem ich die meisten Seelen an die Angel bekomme.
Und ich muß euch auch leider sagen, daß ihr für Stadträte nicht besonders gut rechnen könnt. Schließlich gehen mir ja durch die Kirche, die ihr bauen wollt, eine ganze Anzahl von Seelen wieder verloren. Daß ich nur eine einzige verlange, ist für mich ein schlechter Handel. Ich hatte nur beweisen wollen, wie gutmütig auch der Teufel sein kann." Damit schwang er seinen Pferdefuß herum und wollte den Raum verlassen. Doch die Stadtväter, die ja sowieso keine andere Lösung ihres Problems wußten, fanden die Argumente des Teufels plötzlich ganz einleuchtend, sie riefen ihn zurück, und es wurde ein richtiger Vertrag aufgesetzt, in welchem dem Teufel das Recht auf die erste Seele, die das Münster betrete, mit Brief, Siegel und Unterschrift zugesprochen wurde. Leider ist uns dieses bedeutende Dokument nicht erhalten geblieben.