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Sagen / Die Wolfsseele


Die Wolfsseele - Wie die Aachener den Teufel überlisteten

Der Pakt zwischen dem Teufel und dem Stadtrat sollte eine geheime Sache bleiben, denn die hohen Herren waren wohl doch nicht so stolz auf die Lösung, die sie gefunden hatten.
Doch wie das meistens so ist, dunkle Geschäfte kommen irgendwie ans Tageslicht, und so erfuhren auch die Bürger der Stadt Aachen von dem Komplott. Nun hatte verständlicherweise jeder Angst vor dem Tag, an dem die Kirche geweiht werden würde.
Bei einer Weihe betritt der ranghöchste Geistliche das Münster als erster, und es erschien allen eher grausam. Papst Leo III. so ganz unbedarft in sein Verderben laufen zu lassen.
Die prachtvolle Kirche war inzwischen völlig fertiggestellt, und der aus den Sachsenkriegen heimgekehrte Kaiser zeigte sich beeindruckt von seiner Pfalzkapelle. Er war sehr zufrieden mit seinem Stadtrat und den fleißigen Handwerkern, wußte er doch gar nichts von den Sorgen seiner Ratsherren.
Die Legende besagt, daß das Aachener Münster am Dreikönigstag des Jahres 805 mit großer Feierlichkeit von Papst Leo III. geweiht wurde.
Je näher der Tag der Konsekration rückte, desto verzweifelter suchte man im Stadtrat nach einer Lösung, die verhindern sollte, daß man den Vertrag mit dem Teufel einhalten mußte. Nur zwei Tage vor der Weihe kam einem listigen Aachener Mönch die zündende Idee. Jeder war davon ausgegangen, daß der Teufel eine menschliche Seele haben wollte. Und das wird wohl auch der Fall gewesen sein. Aber im Vertrag war in keiner Weise festgehalten, daß es sich um eine menschliche Seele handeln müsse. Nun war die Erleichterung unter den Stadtvätern groß.
Das war die Lösung! In den nahen Wäldern wurde ein Wolf gefangen. Als der Dreikönigstag gekommen war, wurde das Tier vor der eigentlichen Weihe in das Münster gejagt. Der Teufel hatte sich gleich hinter die große bronzene Eingangstür gesetzt und fiel nun über den Wolf her. Er riß ihm in seiner Gier die Seele aus dem Leib, ohne zu bemerken, daß es sich nicht um einen Menschen handelte. Als er jedoch den Betrug der Aachener erkannte, wurde er sehr zornig. In dem Bewußtsein, übers Ohr gehauen worden zu sein, stürzte er aus dem Münster. Die große Tür schlug er mit solcher Wucht hinter sich zu, daß sie riß, und zu allem Überfluß blieb sein Daumen zwischen Tür und Pfosten hängen und wurde abgequetscht.
Der Finger fiel ins Türschloß, und noch heute kann man den inzwischen eisenhart gewordenen Daumen in einer Höhlung des Türknaufs fühlen. Schon viele haben versucht, den Teufelsdaumen aus dem Türknauf herauszuholen, aber trotz des goldenen Kleides, das als Belohnung ausgesetzt wurde, ist es noch niemandem gelungen. Zur Erinnerung an diese Sage stehen im Atrium des Doms zwei Bronzestatuen: eine antike Bärin, die das Mittelalter als einen Wolf ansah, und ein Pinienzapfen, der die Seele des Wolfs symbolisiert.